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Mehrgenerationenhäuser Treffpunkt für alle

Der einjährige Dennis krabbelt durchs Spielzimmer, zieht sich am Rock der 69-jährigen Helene hoch und strahlt sie an. Sie nimmt ihn auf den Schoß und spielt mit ihm ein Fingerspiel: "Kommt ein Mäuschen, kriecht ins Häuschen ..." Dennis gluckst vor Vergnügen. Seine Mama ist derweil nebenan, nimmt an einer Ausbildung zur Tagesmutter teil. Sie kann sich in Ruhe auf den Lernstoff konzentrieren, denn sie weiß, dass es ihrem Sohn gut geht. Um das Mittagessen für ihre siebenjährige Tochter Julia muss sie sich heute nicht kümmern. Sie wird nach der Schule gleich ins Haus kommen, sie werden im Bistro gemeinsam mit jungen und alten Menschen aus der Nachbarschaft essen. Anschließend wird Julia in einer Kindergruppe Hausaufgaben machen, betreut von Helene, einer pensionierten Lehrerin. Auch sie kommt gerne ins Haus, eine Abwechslung in ihrem Tagesablauf. Sie freut sich an den Kindern und jungen Menschen um sich herum, fühlt sich gebraucht. Und wenn sie Lust hat, kann sie an einem der vielen Kurse teilnehmen. So könnte es in einem Haus aussehen, das allen Generationen offen steht. In dem man sich trifft, miteinander isst, spielt, erzählt, einander hilft. Eine Vision? Nein, solche Treffpunkte gibt es wirklich, und bis Ende des Jahres sollen es bundesweit noch viel mehr werden.

439 Einrichtungen geplant

Denn die Einrichtung von Mehrgenerationenhäusern gehört zu den zentralen familienpolitischen Anliegen der Bundesregierung. Unter dem Motto "Starke Leistung für jedes Alter" sollen im Laufe dieses Jahres bundesweit 439 Mehrgenerationenhäuser entstehen – eines in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt. Das Bundesfamilienministerium fördert jedes dieser Häuser über einen Zeitraum von fünf Jahren mit jährlich 40000 Euro. Insgesamt stehen 88 Millionen Euro für das Aktionsprogramm zur Verfügung. Inzwischen sind die ersten 59 Mehrgenerationenhäuser bewilligt worden. Die meisten knüpfen an bestehende Einrichtungen an wie Kindertagesstätten, Wohnanlagen für Jung und Alt, Familienbildungsstätten, Bürgerhäuser, Mütter- oder Nachbarschaftszentren. Träger der Mehrgenerationenhäuser sind Kommunen und Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbände, Stiftungen, private Initiativen und Vereine. Unter ihnen auch katholische Verbände wie zum Beispiel das Kolpingwerk mit seinem Mehrgenerationenhaus in Saerbeck, der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) mit dem St. Josef-Haus in Wesel oder das Helene-Weber-Haus in Stolberg. Diese katholische Familienbildungsstätte wurde lange von der Aachener KDFB-Diözesanvorsitzenden Lucie Menniken geleitet.

Alt und Jung lernen und arbeiten gemeinsam

Das erste Mehrgenerationenhaus, das von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen Ende November offiziell eröffnet wurde, ist das SOS-Mütterzentrum in Salzgitter. Ein Vorzeigeprojekt, eine Art "Leuchtturmhaus", das andere Häuser inspirieren soll. Das Mütterzentrum ist 1980 gegründet worden. Ab 1990 wurde das Programm unter dem Motto "Generationsübergreifend Leben & Arbeiten" ergänzt. Vor sechs Jahren bezog das Projekt einen großzügig angelegten Neubau, der viel Raum bietet für die Begegnung von Jung und Alt. Das Angebot ist vielfältig und bunt. Es reicht von Gesprächsrunden, kreativen Kursen bis hin zur Beratung. Manche Kurse laufen das ganze Jahr, andere entwickeln sich spontan. Manche haben eine professionelle Anleitung, andere werden von kompetenten Frauen ohne Fachausbildung angeboten. Jede Frau und jeder Mann kann selbst einen Kurs halten und dabei alte Fähigkeiten auffrischen oder neu gelernte weitergeben.

Jeder Mensch ist willkommen

Es gibt eine Kindertagesstätte mit 72 Plätzen und eine offene Kinderbetreuung ohne Anmeldung, einen Schülerinnentreff, eine Tagesgruppe für Demenzkranke, ein Bistro mit reichhaltigem Frühstücksbuffet und in der eigenen Küche frisch zubereitetem Mittagessen, Vermittlung von Dienstleistungen in Haushalt und Garten, Ausbildung und Beschäftigung für benachteiligte Jugendliche oder langzeitarbeitslose Frauen und vieles mehr. Einige Frauen haben sich im Mütterzentrum selbstständig gemacht und bieten ihre Dienstleistungen als Klein-Unternehmen an, wie zum Beispiel "Roswithas Wäsche-Service", der Second-Hand-Shop "Sterntaler" oder der Friseursalon "Frau Kniestedt". Herzstück des Hauses ist die große Caféstube, das "öffentliche Wohnzimmer", wie ihn die Mitarbeiterinnen des Hauses bezeichnen. "Hier ist jeder Mensch willkommen", betont Sabine Genther, die Leiterin des Zentrums. "Hier interessiert man sich füreinander wie in einer Großfamilie. Selbsthilfe, Geben und Nehmen, Kompetenz, Selbstvertrauen und Engagement sind die Grundlagen dafür." Im Haus arbeiten 35 fest angestellte Mitarbeiterinnen, etwa 40 Mitarbeiterinnen als Kursleiterinnen mit Aufwandsentschädigung und 30 bis 50 freiwillig Tätige, die über monatlich stattfindende "MüZen"-Sitzungen an Planung, Organisation und Entscheidungen beteiligt werden.

Geben und Nehmen

Das partnerschaftliche Zusammenspiel von Ehren- und Hauptamtlichen zählt zu den Kriterien, die Einrichtungen erfüllen müssen, wenn sie ein Mehrgenerationenhaus werden wollen. Denn Ziel des Aktionsprogramms ist es, dass sich die Generationen wie in einer Großfamilie untereinander helfen und so den sozialen Zusammenhalt fördern. Es geht um ein wechselseitiges Geben und Nehmen. "Alle vier Generationen – Kinder, Jugendliche, Eltern und Senioren – sind dabei in unterschiedlichen Rollen beteiligt", so Angelika Diller, Diplom-Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Jugend-Institut in München. "Sie sind Geber von verschiedenen Leistungen und Unterstützungsangeboten, sie sind Empfänger von Leistungen und Unterstützungsangeboten, und sie sind Partner, die ‚auf Augenhöhe‘ gemeinsame Projekte und Aktivitäten gestalten."

Die Erfahrungen Älterer wertschätzen

Anlass für das Aktionsprogramm des Bundesfamilienministeriums sind sowohl veränderte Familienstrukturen als auch die demographische Entwicklung in Deutschland. Familien sind hohen Anforderungen und Belastungen ausgesetzt und brauchen mehr Unterstützung zur Bewältigung des Alltags. Sei es bei der Kinderbetreuung, im Haushalt oder bei der Pflege von Angehörigen. Gleichzeitig steigt der Anteil älterer Menschen, die eine sinnvolle Aufgabe suchen und eine hohe Bereitschaft mitbringen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Da liegt es nahe, die Generationen zueinander zu bringen. In früheren Zeiten haben das die Großfamilien unter sich geregelt. Heute jedoch leben Kinder, Eltern und Großeltern in der Regel nicht mehr unter einem Dach, oft noch nicht mal in erreichbarer Nähe. Begegnungen der Generationen untereinander seien nicht mehr selbstverständlich. Der soziale Zusammenhalt sowie die Weitergabe von Erziehungswissen und Alltagskompetenzen gehe verloren. Erfahrungen und Hilfen der älteren für die mittlere und jüngere Generation blieben oft ungenutzt, beschreibt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen die Situation. "Doch auch heute brauchen junge Familien wie ältere Menschen die Gewissheit, dass es ein Netz gibt, auf das sie zurückgreifen können."

Drehscheibe für Dienstleistungen

Solche Netze zu knüpfen, darum geht es bei dem Konzept der Mehrgenerationenhäuser. Bundesweit sollen Orte geschaffen werden, an denen sich Alt und Jung, Familien und Singles, Frauen und Männer aus unterschiedlichen Milieus und Kulturen treffen können – offen für alle Menschen eines Stadtteils oder einer Gemeinde. "Unser Ziel ist es, Mehrgenerationenhäuser als Drehscheiben für Dienstleistungen zu etablieren, die Menschen verschiedenen Alters wirklich brauchen: Angefangen vom Wäscheservice oder Computerkurs für Internetbanking über die Leih-Oma bis hin zum Mittagstisch für Schulkinder und die Krabbelgruppe", betont die Bundesfamilienministerin. So sollen in ganz Deutschland Netzwerke entstehen, in die sich Menschen aller Generationen mit ihren persönlichen Fähigkeiten einbringen können.

Ähnliche Projekte machen Mut

Die Idee, verschiedene Generationen zueinander zu bringen, ist nicht neu. Es gibt viele Projekte in Deutschland, die das Miteinander fördern. Zu ihnen zählt die Wohnanlage "Lebensräume für Jung und Alt" in Tettnang (Baden-Württemberg), die 1993 von der St. Anna-Hilfe und der Stiftung Liebenau direkt neben einem Alten- und Pflegeheim gegründet wurde. Im Mittelpunkt der Anlage steht das alte Kaplaneihaus, ein Begegnungszentrum, das allen offen steht. Zehn Jahre lang war KDFB-Frau Rita Thesing dort als Gemeinwesenarbeiterin tätig und für die Organisation des vielfältigen Programms verantwortlich. Sie beurteilt das Konzept der Lebensräume als "uneingeschränkt positiv". Angebote würden immer gerne von Alt und Jung angenommen. "Im Jahr 2005 starteten wir im Rahmen der Ganztagsbetreuung mit der Manzenberg-Grundschule ein Projekt ‚Schüler und Senioren lernen von einander‘. Im gemeinsamen Tun in einer AG wurden Aktivitäten angeboten wie Aquarellmalen, Nähen, Werken, Tanzen, Singen, Backen, Walken, Filmangebote, Stadt- und Schlossführungen und Erzählcafés. Das Ziel war, dass Alt und Jung sich besser kennen und verstehen lernen. Das Projekt kam bei allen Beteiligten sehr gut an, sodass auch im neuen Schuljahr mit einer neuen Klasse weitergearbeitet wird. Für dieses Projekt wurde uns sogar ein Sozialpreis verliehen, ausgeschrieben von einem Tettnanger Busunternehmen." Für den Frauenbund sieht Rita Thesing, ehemaliges Mitglied im Diözesanvorstand des KDFB Rottenburg-Stuttgart, viele Möglichkeiten, in Mehrgenerationenhäusern mitzuwirken. "Der Frauenbund hat viele Mitglieder mit vielen Talenten, die abrufbar wären. Zum Beispiel bieten in Tettnang zwei Frauenbundsmitglieder gemeinsames offenes Singen und Seniorentanz an, was allen Teilnehmern großen Spaß macht."

Lokale Akteure zusammenbringen

Mehrgenerationenhäuser – ein ehrgeiziges Projekt, dem Kritiker vorwerfen, dass es durch die Unterstützung großer professioneller Einrichtungen kleinere Initiativen verdrängen könnte oder dass es zur Konkurrenz werden könne für Verbände und Vereine vor Ort. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hält diese Sorgen für unbegründet: "Eine Leitidee des Konzeptes ist, dass sich vor Ort gewachsene Angebote zusammenschließen." Mehrgenerationenhäuser sollen bestehende Einrichtungen nicht ersetzen, sondern ergänzen. "Die Zusammenarbeit mit Vereinen, Verbänden und Wirtschaftsunternehmen ist eine ihrer zentralen Aufgaben. Mehrgenerationenhäuser sind Knotenpunkt eines Netzwerkes, in dem lokale Akteure zusammen gebracht werden", heißt es im Aktionsprogramm. Für die Bundesfamilienministerin sind Mehrgenerationenhäuser "wie soziale Bienenstöcke in unserer Gesellschaft". Der Honig, den sie produzieren – das seien menschliche Beziehungen, die Weitergabe von Kulturwissen und unentgeltliche Hilfe untereinander.

Gabriele Klöckner

Anforderungen an Mehrgenerationenhäuser:

Der Andrang war groß: In der ersten Phase der Ausschreibung des Bundesfamilienministeriums im vergangenen Herbst haben sich über 900 Einrichtungen für eine Förderung als Mehrgenerationenhaus beworben. Bisher wurden 59 Häuser in das Aktionsprogramm aufgenommen. Im Frühjahr folgt eine zweite Ausschreibungsphase für die insgesamt 439 Häuser. Bewerben können sich Projekte aus Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen bisher noch kein Projekt im Rahmen des Aktionsprogramms gefördert wird. Sie müssen folgende Kriterien erfüllen:• Einbeziehung der vier Lebensalter: Kinder und Jugendliche, Erwachsene, junge Alte (über 50) und Hochbetagte• Generationenübergreifende Angebote• Kinderbetreuung• Zusammenwirken von Haupt- und Ehrenamtlichen auf gleicher Augenhöhe; starke Einbeziehung des bürgerschaftlichen Engagements• Entwicklung als Informations- und Dienstleistungsdrehscheibe vor Ort• Einbeziehung der lokalen Wirtschaft• Offener Tagestreff mit Cafeteria/Bistro.Auch in der zweiten Ausschreibungsphase erfolgen die Bewerbungen ausschließlich über ein Online-Verfahren im Internet. Der Link zum Formular soll Ende März/ Anfang April unter folgender Adresse bereit gestellt werden: www.mehrgenerationenhaeuser.de gk

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2007


Eingestellt: 22.02.07